13. Oktober 2009, der erste Morgen mit Frur. Der erste Morgen, an dem man auf dem Fahrrad nicht gegen das Schwitzen, sondern das Zittern ankämpfen muss. Und jetzt 11 Stunden vorspulen möchten.
Das vermutlich wirklich geniale an der neuen Phillip Boa Platte ist ihre Eingänglichkeit und die Souveränität, die von ihr ausgeht. Lieder wie "Lord have mercy with the one-eyed", "Jane Wyman","60s 70s 80s..." oder "Fiat Topolino" haben dermaßen kluge, widerhakenartige Hooklines, dass man sie noch beim ersten Hören bereits korrekt mitsingen kann. Die Lieder eint eine trotzige Naivität, ein Vergnügen an der Beklopptheit, ein hymnisch-kinderliedartiges, über allen Dingen stehendes Amalgam aus Lebenslust und -verweigerung zugleich. Wer diese Musik hört, der sieht und fühlt die Sintflut und den Regen nicht, der gerade draußen niedergeht; wer diese Musik hört, steht sofort wieder mit einem Bier in der Hand in einer wogenden Menschenmenge, auf dem Leib eines wunderbaren Menschen, den man im Arm hält, trommelnd. Schaut auf einen groß gewachsenen, gut aussehenden, der über die Bühne tigert und sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlägt. Und grinst.

wir waren beim vogel. beim adler, beim greifvogel, beim großen, fähigen gockel phillip boa. der mann, dessen alben man bei erscheinen gehört, genossen, gemocht - aber später dann auch wieder vergessen hatte; dieser mann kehrt nun wieder als phoenix, der asche entstiegen. immer noch dabei: die süßstimmige und gereifte pia lund. ausgetauscht inzwischen: die mitmusiker. hinzugewonnen, taktischer einkauf: jaki liebezeit, ausschließlich angestellt als ghostnotetrommler, hochklug.
eingeleitet wird der auftritt durch bela lugosi's dead von bauhaus. das neue boa-material, diamonds fall, grandios. hymnenrefrains, dazwischen spastisches aufbegehren. boa (schwarzer dreiteiler, dunkle krawatte) schreitet wie vogel greif über die bühne, breitet schwingen aus, dumpf-autistische theatralik, aber eben NICHT in bauhaus/muryphischer peinlichkeit, sondern mit dem eben notwendigen funken selbstironie.
boa, der große, kundige diktator. sieben leute stehen auf der bühne, alle die reinsten vollprofis, jederzeit zu hervorragenden improvisationen in der lage, alles hochperkussiv, trotzdem aber werden improvisationseinlagen und soli spätestens nach 16 takten gestoppt. "sehr her, wir können, aber wir müssen nicht". die gassenhauer ("albert is a headbanger, container love, and then she kissed her, i dedicate my soul to you") mit zorn und kraft und präzision gegeben.
und als boa gelegentlich seinen scheitelschopf nach hinten wirft, da sieht man auch: interpol haben sich eben NICHT NUR bei joy division bedient.
ein stimmiges konzert, das fachgerecht begann und ein grandioses nachspiel hatte.
Friedensdynamitpreis für Arrack Bobama
I'm bolted from within
from long conniving heights
The hale, it makes a special sound
that always stays into the night
from long conniving heights
The hale, it makes a special sound
that always stays into the night
Als ich durch die trockene Eiseskälte radelte, traf mich der gleichzeitig mit "With twilight as my guide" aufscheinende Strahl der Sonne wie ein angenehmer Pfeil ins Herz.
