Pjotr ist mein neuer Nachbar. Er ist Mitte oder Ende vierzig, Architekt und sieht aus wie eine 1a) Kreuzung aus Franz-Josef Wagner und Gérard Depardieu. Anders gesagt: Er hat deutliches Übergewicht, etwas zu lange, verstrubbelte Haare, vernachlässigt seinen Körper aufs Wunderbarste, und krönt all dies mit einem rasselnden Lachen und stets guter Laune. Auf dem letzten Hausbewohner-Gartenfest brachte er Stimmung in die Bude, indem er zwei Flaschen polnischen Wodka kreisen ließ, als die alle waren, setzte er sich auf sein 2500-Euro-Fahrrad und holte an der Esso-Tankstelle noch eine weitere Flasche Wyborowa. Später schlief er selig auf einer Holzbank, während wir weiter redeten und sangen und dabei seinen Schlaf bewachten.
Wenn man Salz, Parmesan, eine Kaffeemühle, Knoblauch, Oliven, egal was braucht - Pjotr hat es. Man klingelt, er macht auf, lacht rasselnd, sagt "KOMM REIN, MEIN LIEBER", gibt einem das, was man braucht, nicht ohne einem sofort ein Glas Rotwein anzubieten. Dann sagt er: "Schön hast du Klavier gespielt gestern. Herrlich!" Der ganze Mensch: eine permanent genießende, pralle Lebensfülle, stets und jederzeit.
Die anderen Nachbarn, die unter uns wohnen, sie sind muffig, übellaunig. Die Frau riecht nach Gemüserülps, Lauch und Grünkern. Ihre Gesichter sind verkniffen, sie ernähren sich makrobiotisch und vegetarisch und trinken Sachen wie "Holunderspritzi" oder werweißwas. In einem luftleeren Raum, also dort, wo es keine Unfälle, Katastrophen, blöde Zufälle oder ähnliches gäbe, da würden sie wohl 120 Jahre alt werden und hätten es sich wohlweislich verdient.
Gerade ein Fotoalbum durchgeblättert, die Kusine eines Kollegen war im März bei einem Autounfall gestorben. Hier in der Grafikabteilung hatten wir vor Monaten ein Album gestaltet mit gesammelten Fotos aus ihrem Leben. Dabei haben wir viel über sie gelernt. Sina als Kind, Sina als Teen, Sina als Frau. Sina beim Essen, Trinken, Tanzen, bei Parties. Sina liegt unter kühler Erde jetzt.
Was mich umso mehr bestätigt, weiter so zu leben wie bisher. Wie Pjotr. Mein Bruder im Geiste.
Wenn man Salz, Parmesan, eine Kaffeemühle, Knoblauch, Oliven, egal was braucht - Pjotr hat es. Man klingelt, er macht auf, lacht rasselnd, sagt "KOMM REIN, MEIN LIEBER", gibt einem das, was man braucht, nicht ohne einem sofort ein Glas Rotwein anzubieten. Dann sagt er: "Schön hast du Klavier gespielt gestern. Herrlich!" Der ganze Mensch: eine permanent genießende, pralle Lebensfülle, stets und jederzeit.
Die anderen Nachbarn, die unter uns wohnen, sie sind muffig, übellaunig. Die Frau riecht nach Gemüserülps, Lauch und Grünkern. Ihre Gesichter sind verkniffen, sie ernähren sich makrobiotisch und vegetarisch und trinken Sachen wie "Holunderspritzi" oder werweißwas. In einem luftleeren Raum, also dort, wo es keine Unfälle, Katastrophen, blöde Zufälle oder ähnliches gäbe, da würden sie wohl 120 Jahre alt werden und hätten es sich wohlweislich verdient.
Gerade ein Fotoalbum durchgeblättert, die Kusine eines Kollegen war im März bei einem Autounfall gestorben. Hier in der Grafikabteilung hatten wir vor Monaten ein Album gestaltet mit gesammelten Fotos aus ihrem Leben. Dabei haben wir viel über sie gelernt. Sina als Kind, Sina als Teen, Sina als Frau. Sina beim Essen, Trinken, Tanzen, bei Parties. Sina liegt unter kühler Erde jetzt.
Was mich umso mehr bestätigt, weiter so zu leben wie bisher. Wie Pjotr. Mein Bruder im Geiste.