isabo (Gast) - 5. Dez, 17:11

[Bei einer U-Bahnfahrt in Berlin]

„Die Radfahrerin war Asiatin, jedenfalls genetisch. Ihr schwarzes Haar war zottig geschnitten. Sie trug eine kurze olivgrüne Windjacke, eine ausgestellte schwarze Skihose und ein Paar kastanienbraune Campers, die Bowlingschuhen ähnelten. Im Fahrradkorb lag eine Kameratasche.
Ich hatte so eine Ahnung, dass sie Amerikanerin war. Das lag an dem Retro-Fahrrad. Chrom und türkis, die Schutzbleche breit wie bei einem Chevrolet, die Reifen dick wie die einer Schubkarre, sah es aus, als wöge es mindestens fünfzig Kilo. Dieses Fahrrad: der Spleen einer Exilantin. Ich wollte es schon zum Anlass nehmen, um sie in ein Gespräch zu verwickeln, als der Zug erneut hielt. Die Radfahrerin blickte auf. Ihre Haare fielen ihr aus dem schönen, von der Kapuze umrahmten Gesicht, und einen kurzen Augenblick lang begegneten sich unsere Blicke. Die Gelassenheit ihrer Miene, aber auch die Glätte ihrer Haut ließen ihr Gesicht wie eine Maske erscheinen, mit lebendigen, menschlichen Augen dahinter. Diese Augen zuckten nun weg von meinen; sie packte die Lenkstange ihres Rads und schob ihr tolles Zweirad aus dem Zug in Richtung der Aufzüge. Die U-Bahn fuhr weiter, aber ich las nicht mehr. Bis zu meiner Haltestelle saß ich auf meinem Platz in einem Zustand aufgewühlter Wollust oder wollüstiger Aufgewühltheit. Dann taumelte ich hinaus.“

Jeffrey Eugenides (Ü: Eike Schönfeld): Middlesex, S. 64

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