Swans - The Seer

Mal einfach so in die neue Swans reinhören? Geht nicht. Man braucht 2 Stunden Ruhe. Es darf niemand in der Wohnung sein. Keiner darf stören. Telefone stummschalten. Ein guter Wein ist zu öffnen. Die Anlage ist laut zu stellen.

Und dann umgibt einen die Apokalypse. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr eine so konsequente Musik gehört. Konsequent vor allem im Bereich Repetition. Musikalische und auch textliche Motive werden bis kurz vors Wahnsinnigwerden des Hörers wiederholt. Einem allumfassenden Mantra gleich windet sich die Musik vor und zurück, erzeugt Zeitschleifen, drängt in kreisförmigen Bewegungen in den Hörraum - und ist eben doch zu keiner Sekunde langweilig. In exakt dem Moment, in dem man glaubt, die Schroff- und Stumpfheit der Repetition nicht mehr aushalten zu können, öffnen sich weite Hallräume, in denen Streicher; Dudelsäcke und allerlei wirre Instrumente wirken. Brutale, zehn Minuten lange Drones werden von harmonischen Strukturen aufgefangen.

The Seer ist ein Monolith, ein Klumpen, ein Brocken. Eine faszinierende Reise, die man unbedingt antreten sollte. The Seer hat mein bis zum Gehtnichtmehr überladenes, überarbeitetes Gehirn mit Macht und Würde reingewaschen. Ich bin neu.



 
Ein Entlassungsgespräch.



 
Johann Holtrop ist ein herausragend gutes Buch, wie auch immer man zu dem medialen Menschen Rainald Goetz stehen mag. Gründe:

- Fantastische Schreibe. Stets präzise mit einem leichten Drang ins hyperrealistische. Klare Sätze, hochpointierte Beschreibungen, würzend eingesetzte Neologismen, nie jedoch als Selbstzweck, immer nur als natürlicher Geschmacksverstärker. Gut strukturiertes Buch, klare Kapitel, im positiven Sinne eindimensional, linear. Das stets etwas Fahrige, Nervöse in Goetz' medialer Selbstdarstellung passt hier 1A auf die Fahrigkeit und Nervosität der Protagonisten. Das Einstreuen medizinischen Fachvokabulars verstärkt den Eindruck noch, dass hier im wahrsten Sinne des Wortes seziert wird. Goetz schafft, dass man in einem Satz weiß, wie eine neu eingeführte Figur drauf ist. Zitat: "Lüthje war ein neuer Dicker vom Typ Dobrindt, Mappus, Döring, Heil: jung, fett, bombig unterwegs".

- Genaue Beobachtung: Goetz wohnt im Hirn seiner Protagonisten. Die Atmosphäre des gehobenen Büro-Irrsinns ist in Perfektion eingefangen. Goetz schreibt eben nicht so, wie Lieschen Müller sich die Chefetage vorstellt, sondern Goetz liefert die Chefetage in Reinkultur. Mit kaltem, präzisem Blick zeigt Goetz die völlige Geistesabwesenheit und Paranoia in einem Unternehmen auf, das an seiner eigenen Größe, stets angetrieben von einem unmenschlichen Patriarchen, erstickt und Unterunternehmen sonder Zahl produziert, deren gegenseitiges Beargwöhnen irgendwann zum Selbstzweck wird. Controllingwahn, Machtsedimente, bis ins letzte Detail grell und RICHTIG ausgeleuchtet.

- Wohldurchdachte Namen, wohldosiertes Spiel mit Assoziationen und Zitaten. Firmengründer "Assperg", da steckt "Arschloch", "Asperger-Syndrom" drin. Holtrop: Da steckt "Hohl", "Tropf", "Trottel" drin. Usw. Zufall ist wohl auch nicht, dass irgendwo eine Schlagerkappelle namens "Donalfons-Kosaken" aufspielt.

- Gute Story. Wir begleiten den langsamen, durch retardierende Momente aufgehaltenen, dadurch umso mehr ersehnten Niedergang eines nahezu selbstreflexionsfreien Arschlochs, das auf diesen Niedergang im Grunde zusteuern muss.

Für mich eines der Bücher des Jahres.



 
Ein voller, ein randvoller, erfüllter Tag mit Dingen aus allen Welten.



 
B-EA

eis1

eis2

eis3

EA-B



 
Revenge is never a straight line. It's a forest, And like a forest it's easy to lose your way... To get lost... To forget where you came in.

Nässe.



 
Rainald Goetz ist vermutlich verrückt geworden.



 
Diese Ruhe in der Wohnung.




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