Abgehetzt und komplett nassgeregnet mit dem Fahrrad am Anhalter Bahnhof in die natürlich schon überfüllte S-Bahn. Höre laut Albion. Als sich Doherty zum hymnischsten aller Refrains der Musikgeschichte hochschwingt, blicke ich auf einen Damenstiefel, der sich mit Wucht genau im Takt mitbewegt. Blicke langsam hoch, ein knielanger dunkler Rock, auch ein tropfendes Fahrrad, eine nassgeregnete Wolljacke, ein zartes Gesicht, ein großer, schwarzer Hut, der Blick rastet ein. Ich sah sie nie im Leben, aber sie grinst. Yorckstraße. Augenschauen, Wegschauen. Schöneberg. Augenschauen, Wegschauen. Friedenau. Abschiedsgrinsen. Ich steige aus. Sie steigt mit aus, wir schieben die Räder den Bahnsteig entlang, in den Fahrstuhl. Blicke, Blicke, Blicke, verdammt. Würde sie fragen, ob wir mal einen Kaffee trinken, ich würde verneinen und ihr statt dessen anbieten, wir könnten uns jetzt sofort küssen. Aber sie fragt nicht, ich frage nicht, unten angekommen pule ich die Ohrhörer raus und sage "tschüs", und sie sagt "schönen Abend noch" und ich sage "dir auch", ich kuck mich nochmal um, sie sich auch. Dann fahre ich durch den noch stärker gewordenen Regen über die grüne grüne Fußgängerampel an der Kaisereiche und komme offenbar einem Besoffenen dabei etwas zu nahe, denn er brüllt, "du Arsch, ich bring dich um!", aber ich bin seltsam imprägniert und stillfroh.



isabo (Gast) - 5. Dez, 17:11

[Bei einer U-Bahnfahrt in Berlin]

„Die Radfahrerin war Asiatin, jedenfalls genetisch. Ihr schwarzes Haar war zottig geschnitten. Sie trug eine kurze olivgrüne Windjacke, eine ausgestellte schwarze Skihose und ein Paar kastanienbraune Campers, die Bowlingschuhen ähnelten. Im Fahrradkorb lag eine Kameratasche.
Ich hatte so eine Ahnung, dass sie Amerikanerin war. Das lag an dem Retro-Fahrrad. Chrom und türkis, die Schutzbleche breit wie bei einem Chevrolet, die Reifen dick wie die einer Schubkarre, sah es aus, als wöge es mindestens fünfzig Kilo. Dieses Fahrrad: der Spleen einer Exilantin. Ich wollte es schon zum Anlass nehmen, um sie in ein Gespräch zu verwickeln, als der Zug erneut hielt. Die Radfahrerin blickte auf. Ihre Haare fielen ihr aus dem schönen, von der Kapuze umrahmten Gesicht, und einen kurzen Augenblick lang begegneten sich unsere Blicke. Die Gelassenheit ihrer Miene, aber auch die Glätte ihrer Haut ließen ihr Gesicht wie eine Maske erscheinen, mit lebendigen, menschlichen Augen dahinter. Diese Augen zuckten nun weg von meinen; sie packte die Lenkstange ihres Rads und schob ihr tolles Zweirad aus dem Zug in Richtung der Aufzüge. Die U-Bahn fuhr weiter, aber ich las nicht mehr. Bis zu meiner Haltestelle saß ich auf meinem Platz in einem Zustand aufgewühlter Wollust oder wollüstiger Aufgewühltheit. Dann taumelte ich hinaus.“

Jeffrey Eugenides (Ü: Eike Schönfeld): Middlesex, S. 64


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